geh lesen: Flickernde Jugend - Rauschende Bilder. Netzkulturen im Web 2.0
Dr. Ingrid Francisca Reichmayr (langjährige Bibliothekskundin) hat Birgit Richard, Jan Grünwald, Marcus Recht, Nina Metz: "Flickernde Jugend - Rauschende Bilder. Netzkulturen im Web 2.0." (campus, Frankfurt am Main 2010) gelesen...
Soziale Netzwerke gehören längst zum Alltag von Jugendlichen und eine steigende Anzahl von Jugendmedienstudien beschäftigt sich mit der Thematik. Ein Aspekt, der oft zu kurz kommt, ist die visuelle Selbstdarstellung der Jugendlichen. Hier liegt nun ein sehr interessanter Band zur Jugendbildforschung vor. Wie und in welchen Posen inszenieren sich Jugendliche auf Facebook, Youtube, Flickr, MySpace & Co.? Aufschlussreiche Untersuchungsergebnisse werden präsentiert, die sich auf jahrelange Grundlagenforschung stützen. Das Spektrum reicht vom „typischen“ Profilbild auf Facebook über modische Selbstbilder, Gewalt- und Todesdarstellungen auf Youtube, die Inszenierung von Weiblichkeit und Männlichkeit bis zu neuen Kunstformen im Web 2.0.
Zudem werden praktikable Analyse-Instrumentarien vorgestellt, die den neuen medialen Strukturen gerecht werden und jede Menge Anregungen sowohl für die Forschung als auch die praktische (Medien-)Arbeit mit Jugendlichen geben.
geh lesen: Wir sind online, wo seid ihr
Anu Pöyskö hat Klaus Raab "Wir sind online, wo seid ihr" (Blanvalet, München 2011) gelesen...
Klaus Raab (Jahrgang 1978) hat es satt. Er hat es statt, dass seine und die jüngere Generation abgestempelt werden als spaßorientierte politikdesinteressierte Tu-Nichts-Gute, die im Web den Bezug zur Wirklichkeit verlieren, durch Games gewalttätig werden und wegen Multitasking auch noch den letzten Rest an Konzentrationsfähigkeit abbauen.
Raabs Wut richtet sich gegen jene, die digitale Lebenswelten zu bewerten und zu reglementieren versuchen ohne auch das rudimentärste Verständnis für ebendiese. Deren Handeln wird angeleitet vom Stammtischdreieck: Kenne ich nicht, verstehe ich nicht, finde ich nicht gut. Auf Twitter kommentiert die digitale Generation hilflose Steuerungsversuche und holprige Kausalitätsbehauptungen unter Hashtags wie #gehtesnoch.
Für den einen ist das Internet der Ursprung allen Bösen, für Klaus Raab keine heile, sondern eine extrem heterogene Welt mit viel Entdeckungswürdigem und ebenso viel Schrott; darin hausen sowohl VordenkerInnen als auch Trolle. Unterm Strich glaubt er aber fest an die gesellschaftsverändernde Kraft der neuen Kommunikationskulturen: Internet verteilt Macht von oben nach unten, unter anderem indem es Netzwerken Autorität verleiht.
"Wir sind online - wo seid ihr" ist eine amüsante, durchaus hängemattentaugliche Lektüre. Der Autor legt mehr Wert auf Anschaulichkeit und Detailreichtum als auf wissenschaftliche Genauigkeit. Er polemisiert und legt dabei nicht jedes Wort auf die Goldwaage. In seinem Eifer zu belegen, wie deutlich sich das Lebensgefühl der digitalen Generation von der analogen unterscheidet, schießt er auch gelegentlich ordentlich über das Tor hinaus. Etwa wenn er auflistet, mit wie wenig Kabelsalat die "Digitalen" im Vergleich zu den "Analogen" auskämen. Den beiden Kabeln der Jüngeren (eines für den Laptop und eines für das Smartphone) stehen sage und schreibe fast sechzig Kabelgeräte der Älteren gegenüber. Gegebenenfalls aber saugt auch ein Mitglied der digitalen Generation gelegentlich Staub und zieht elektrisches Licht der Gaslampe vor? Noch sind Fön, Rasierer und Toaster nicht im Smartphone integriert.
Raab beendet seine Ausführungen mit "Wir sind online, kommt doch auch". An wen sich diese Einladung/Aufforderung richtet, ist aber nicht ganz klar, Raab beschreibt wie schwer der Jugend die Abgrenzung zur Elterngeneration in einer Zeit fällt, wo sich die Mittelalten um einen jugendlichen Habitus (Kleidung, Musikgeschmack) bemühen. Die Abgrenzungsprozesse finden laut Raab heute vorwiegend im Netz statt. Dadurch stellt sich die Frage, ob sich nicht ausgerechnet jene Erwachsenen funktional verhalten, die den Netzkulturen verständnislos gegenüberstehen und sich somit nicht noch in das letzte Refugium der Jugend hineinzudrängen versuchen.
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